Muskeln beim Fasten schützen
Von Thomas Freimoser, Zertifizierter ganzheitlicher Ernährungsberater · Zuletzt geprüft am
Kurz gesagt
Etwas Eiweissabbau findet beim Fasten immer statt, weil einzelne Gewebe echte Glukose brauchen. Er ist in den ersten Tagen am höchsten; sobald die Ketose läuft, senkt der Körper ihn deutlich. In einer Studie mit zehn Tagen Heilfasten gingen rund anderthalb Kilogramm fettfreies Gewebe verloren, die Kraft blieb erhalten. Was hilft: leichte Bewegung statt Training oder Stillstand, ein eiweissreicher Wiederaufbau, und Krafttraining nach der Fastenphase. Kurze Fastenzeiten kosten in der Summe weniger als lange — wiederholte zahlen den teuren Anfang aber jedes Mal neu.
Was tatsächlich passiert
Bestimmte Gewebe brauchen echte Glukose und können keine Ketonkörper nutzen — allen voran die roten Blutkörperchen und Teile des Nervensystems. Da beim Fasten keine Kohlenhydrate kommen, stellt der Körper Glukose selbst her, unter anderem aus Aminosäuren. Diese Aminosäuren stammen aus Eiweiss, und ein Teil davon aus Muskulatur.
Der entscheidende Punkt: Diese Rate ist nicht konstant. In den ersten Tagen ist der Eiweissabbau höher, danach senkt der Körper ihn deutlich, weil die Ketose einen grossen Teil des Energiebedarfs deckt. Cahills klassische Arbeiten zum Hungerstoffwechsel beschreiben genau diese Anpassung — sie ist der Grund, warum Menschen längere Hungerphasen überhaupt überleben.
Wie viel es in Zahlen ist
Die genauesten neueren Daten stammen aus zwei kleinen Studien einer Fastenklinik, beide mit Heilfasten um 250 Kilokalorien:
- Laurens 2021, 16 gesunde Männer, zehn Tage: Von 5,9 Kilogramm Gewichtsverlust waren rund 60 % fettfreie Masse. Der grösste Teil davon war Wasser und Glykogen, aber rund anderthalb Kilogramm waren stoffwechselaktives Gewebe — errechnet, nicht direkt gemessen, und neben Muskulatur auch Leber und Darm. Ein Marker für Muskelabbau stieg bis etwa Tag vier und fiel dann wieder; ab dem fünften Tag lag die Stickstoffausscheidung rund 40 % niedriger. Die Kraft blieb erhalten.
- Naëgel 2025, 32 Personen, die Hälfte über 50, zwölf Tage: Das Volumen der Wadenmuskulatur im MRT nahm leicht ab, zu einem guten Teil durch Glykogen und gebundenes Wasser. Maximalkraft und Stoffwechsel der Muskulatur blieben erhalten, bei Frauen wie Männern, Jüngeren wie Älteren.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Nach drei Monaten war die fettfreie Masse bei Laurens noch nicht wieder beim Ausgangswert, die Fettmasse dagegen schon. Und schlanke Menschen verlieren pro Kilogramm Gewicht etwa doppelt so viel Eiweiss wie stark Übergewichtige (Forbes und Drenick 1979) — für sie, für Ältere und für wenig Aktive kann der Verlust grösser sein.
Praktisch bedeutet das: Kurze Fastenzeiten kosten in der Summe weniger Muskulatur als lange — pro Tag sind aber gerade die ersten Tage die teuersten. Wer oft kurz fastet, zahlt diesen teuren Anfang jedes Mal neu — deshalb kosten neben langen Fastenzeiten vor allem wiederholte Zyklen mehr. Wie gut die einzelnen Zahlen belegt sind, steht unter Wasserfasten in Daten.
Warum das für das Abnehmen wichtig ist
Muskulatur ist das grösste Gewebe, dessen Menge du selbst beeinflussen kannst, und sie verbraucht auch in Ruhe laufend Energie. Wer sie verliert, senkt seinen Energiebedarf zusätzlich zu dem Effekt, den ein leichterer Körper ohnehin hat. Das ist ein wesentlicher Teil des Mechanismus hinter dem Jojo-Effekt: Nach der Abnehmphase ist der Bedarf gesunken, und wer dann normal isst, nimmt zu. Bei Laurens lag der Grundumsatz nach zehn Fastentagen rund 12 % niedriger, auch nach Abzug der verlorenen fettfreien Masse — der Muskelverlust erklärt die Senkung also nur zum Teil.
Muskelschutz ist also keine Frage der Optik. Er ist die Versicherung darauf, dass das Ergebnis hält.
Die drei Maßnahmen
1. Während des Fastens: leichte Bewegung
Nicht Stillstand, nicht Training. Spazierengehen, leichtes Dehnen, Alltagsbewegung — welche Bewegung an welchem Fastentag passt, steht unter Sport beim Fasten. Die Idee dahinter: Der Reiz „diese Muskulatur wird gebraucht“ soll den Abbau bremsen, ohne eine Belastung, die Energie verlangt. In der Studie von Laurens gingen die Teilnehmenden täglich bis zu drei Stunden leicht aktiv, und die Kraft blieb erhalten. Ob die Bewegung den Eiweissabbau selbst gebremst hat, zeigt die Studie allerdings nicht — eine Vergleichsgruppe ohne Bewegung gab es nicht.
Was du nicht machen solltest: Krafttraining, Intervalltraining, langes Ausdauertraining. Das kostet Energie, die nicht verfügbar ist, und erhöht das Risiko für Schwindel und Kreislaufprobleme.
2. Beim Aufbau: Eiweiss früh und konsequent
Ab etwa dem dritten bis vierten Aufbautag gehört Eiweiss dazu — Ei, Magerquark, Hüttenkäse, gut gekochte Hülsenfrüchte, gedünsteter Fisch. Nicht am ersten Tag, siehe Fastenbrechen, und nicht in Menge auf einmal. Aber dann verlässlich zu jeder Mahlzeit.
Die Übersichtsarbeit von Leidy und Kollegen fasst zusammen, was mehrere Studien zeigen: eine höhere Eiweisszufuhr während und nach einer Gewichtsabnahme erhält mehr fettfreie Masse und sättigt besser.
3. Danach: Krafttraining, zweimal pro Woche
Der wirksamste Hebel, um verlorene Muskulatur wieder aufzubauen. Zweimal pro Woche, Ganzkörper, mit Gewicht oder am Gerät. Sechs Monate zeigen etwas, vier Wochen nicht.
Für Menschen, die noch nie trainiert haben, ist das die grösste Hürde und der grösste Gewinn. Die Übungen sind nicht das Schwierige daran — das Dranbleiben ist es. Zwei feste Termine pro Woche im Kalender wirken zuverlässiger als jeder Vorsatz.
Wie du den Verlust einschätzt
Waagen mit Körperfettmessung sind während und direkt nach dem Fasten unzuverlässig, weil sie über den elektrischen Widerstand schätzen und der am Wasserhaushalt hängt. Brauchbarer sind:
- Kraftwerte. Wenn du nach dem Aufbau ähnlich viel bewegst wie vorher, ist nicht viel verloren gegangen.
- Umfänge an Oberarm und Oberschenkel, gemessen an derselben Stelle.
- Alltagsbelastbarkeit. Treppen, Einkäufe, Ausdauer.
Und die ehrliche Antwort: Für eine einmalige Fastenphase von drei bis fünf Tagen ist die Frage nach dem Muskelverlust weniger dramatisch, als das Internet suggeriert — der Verlust ist in absoluten Mengen klein, der Wasseranteil kommt zurück. Relevant wird sie bei langem Fasten, bei Wiederholung und für Menschen, die schon schlank, älter oder wenig aktiv sind.
Häufige Fragen
Frisst der Körper beim Fasten die Muskeln auf?
Nicht in dem Sinn, wie es oft dargestellt wird. Der Körper baut zwar von Beginn an etwas Eiweiss ab, senkt diese Rate aber deutlich, sobald die Ketose läuft — in einer Studie lag die Stickstoffausscheidung ab dem fünften Tag rund 40 % niedriger. Der Verlust ist real, in zehn Tagen etwa anderthalb Kilogramm fettfreies Gewebe, aber begrenzt und teilweise wieder aufholbar.
Soll ich beim Fasten Krafttraining machen?
Nein. Intensives Training verlangt Energie, die nicht da ist, und erhöht das Risiko für Kreislaufprobleme. Leichte Bewegung — Spazieren, Dehnen — ist sinnvoll. Das Krafttraining kommt nach dem Aufbau, und dann konsequent.
Hilft Eiweisspulver während des Fastens?
Dann fastest du nicht mehr. Eiweiss löst eine Insulinantwort aus und beendet die Fastensituation. Wer Eiweiss zuführen will, macht eine eiweissmodifizierte Diät — das ist eine andere Methode und für den Muskelschutz beim Abnehmen sogar oft die bessere.
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Quellen
- Laurens C. et al. (2021): Is muscle and protein loss relevant in long-term fasting in healthy men? A prospective trial on physiological adaptations. J Cachexia Sarcopenia Muscle.
- Naëgel A. et al. (2025): Impact of Long-Term Fasting on Skeletal Muscle: Structure, Energy Metabolism and Function Using (31)P/(1)H MRS and MRI. J Cachexia Sarcopenia Muscle.
- Forbes G. B. & Drenick E. J. (1979): Loss of body nitrogen on fasting. Am J Clin Nutr.
- Cahill G. F. (2006): Fuel metabolism in starvation. Annual Review of Nutrition.
- Leidy H. J. et al. (2015): The role of protein in weight loss and maintenance. American Journal of Clinical Nutrition.
- Fothergill E. et al. (2016): Persistent metabolic adaptation 6 years after The Biggest Loser competition. Obesity.
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