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Medikamente und Fasten

Von Thomas Freimoser, Zertifizierter ganzheitlicher Ernährungsberater · Zuletzt geprüft am

Kurz gesagt

Fasten verändert Blutdruck, Blutzucker, Elektrolyte und Flüssigkeitshaushalt — und damit die Wirkung vieler Medikamente. Besonders betroffen sind Blutdrucksenker, Entwässerungstabletten, Diabetesmedikamente, Blutverdünner, Lithium und Kortison. Die einzige richtige Reihenfolge ist: erst mit der verordnenden Praxis sprechen, dann entscheiden. Setze niemals eigenmächtig etwas ab, lass nichts weg und halbiere nichts — das ist der häufigste und gefährlichste Fehler.

Die eine Regel

Setze nichts eigenmächtig ab, lass nichts weg, halbiere nichts.

Das ist kein Vorsichtsformelsatz, sondern die häufigste Ursache für schwere Zwischenfälle in diesem Zusammenhang. Der Gedanke „ich esse ja nichts, dann brauche ich die Tablette auch nicht” ist naheliegend und falsch. Bei Kortison kann ein abrupter Stopp eine lebensbedrohliche Krise auslösen. Bei Blutdruck- und Herzmedikamenten drohen Blutdruckspitzen und Rhythmusstörungen. Bei Antiepileptika Anfälle.

Ob, was und wie angepasst wird, entscheidet ausschliesslich die Praxis, die das Medikament verordnet hat. Als Ernährungsberater darf und will ich dazu keine Empfehlung geben — was ich beitragen kann, ist die Erklärung, warum Fasten überhaupt etwas verändert, und welche Fragen du mitnehmen solltest.

Warum Fasten Medikamente verändert

Vier Mechanismen, die alle gleichzeitig laufen:

Der Blutdruck sinkt. Mit dem Insulin fällt der Reiz weg, der die Nieren Natrium zurückhalten lässt. Natrium wird ausgeschieden, Wasser folgt, das Blutvolumen sinkt. Eine blutdrucksenkende Medikation wirkt dadurch effektiv stärker als vorher.

Der Blutzucker sinkt. Ohne Nahrung fällt die Glukosezufuhr weg. Medikamente, die den Blutzucker senken, haben plötzlich kein Gegengewicht mehr.

Elektrolyte verschieben sich. Natrium, Kalium und Magnesium verändern sich messbar. Für einige Wirkstoffe ist genau das entscheidend — ihre Wirkung oder ihr Blutspiegel hängt am Elektrolyt- und Wasserhaushalt.

Der Magen ist leer. Wirkstoffe, die zu einer Mahlzeit eingenommen werden, werden ohne sie anders aufgenommen und schlechter vertragen.

Die Gruppen, bei denen es konkret wird

Diese Übersicht erklärt, was passiert. Sie sagt nicht, was zu tun ist — das steht in der letzten Spalte immer gleich.

Blutdrucksenker

ACE-Hemmer, Sartane, Betablocker, Calciumantagonisten.

Der Blutdruck sinkt beim Fasten ohnehin. Kommt die gewohnte Dosis dazu, wird er oft zu niedrig. Praktisch heisst das: Schwindel beim Aufstehen, Schwarzwerden vor den Augen, Sturzgefahr. Das ist der häufigste vermeidbare Zwischenfall beim Fasten überhaupt.

Entwässerungstabletten (Diuretika)

Der kritischste Punkt in dieser Liste. Diuretika treiben Natrium und Kalium aus — und genau das macht das Fasten auch. Die Effekte addieren sich. Ein absinkender Kaliumspiegel betrifft den Herzrhythmus, und verlässliche Frühzeichen fehlen. In der Fastenmedizin gilt die Kombination als eigenständiges Ausschlusskriterium ohne ärztliche Begleitung.

Diabetesmedikamente

Insulin und Sulfonylharnstoffe senken den Blutzucker unabhängig davon, ob du gegessen hast. Ohne Nahrung droht eine schwere Unterzuckerung. Die Übersichtsarbeit von Grajower und Horne beschreibt genau diese Konstellation als den zentralen Risikopunkt beim Fasten mit Diabetes.

SGLT2-Hemmer (Wirkstoffe auf „-gliflozin”) verdienen eine eigene Erwähnung, weil dieser Punkt kaum bekannt ist: Sie können eine Ketoazidose auslösen, auch bei normalem Blutzucker. Fasten erhöht dieses Risiko, weil es die Ketonbildung ohnehin ankurbelt. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat diesen Zusammenhang eigens bewertet. Wer ein solches Präparat nimmt, sollte nicht ohne ärztliche Klärung fasten — der Blutzucker ist hier ausdrücklich kein verlässlicher Warnwert.

Metformin ist weniger direkt gefährlich, aber bei Flüssigkeitsmangel steigt das Risiko einer Laktatazidose.

Typ-1-Diabetes und insulinpflichtiger Diabetes sind Ausschlusskriterien, siehe Wer sollte nicht fasten.

Blutverdünner

Bei Vitamin-K-Antagonisten (Phenprocoumon, Warfarin) hängt die Einstellung an der Vitamin-K-Zufuhr über die Nahrung. Fällt das Essen weg, verändert sich der INR-Wert — in beide Richtungen, je nachdem, wie vitamin-K-reich vorher gegessen wurde. Ohne Kontrolle ist das nicht abschätzbar.

Bei den direkten Antikoagulanzien ist die Nahrungsabhängigkeit geringer, aber Flüssigkeitsmangel und veränderte Nierenfunktion beeinflussen die Ausscheidung.

Lithium

Der Lithiumspiegel hängt unmittelbar am Natrium- und Wasserhaushalt. Sinkt das Natrium oder die Flüssigkeitsmenge, steigt der Lithiumspiegel — und das therapeutische Fenster ist eng. Eine Lithiumvergiftung beginnt mit Zittern, Übelkeit und Verwirrtheit und ist ein Notfall. Fasten unter Lithium gehört zu den Konstellationen, bei denen ich ohne ärztliche Begleitung schlicht abrate.

Kortison

Kortisonpräparate dürfen nicht abrupt abgesetzt werden — bei längerer Einnahme ist die eigene Nebennierenrinde heruntergefahren, und ein plötzlicher Stopp kann eine Addison-Krise auslösen. Gleichzeitig verstärkt Kortison den Kaliumverlust, der beim Fasten ohnehin läuft.

Antiepileptika

Wirkspiegel können durch Flüssigkeitsverschiebung und veränderten Stoffwechsel schwanken. Ein abgesunkener Spiegel bedeutet Anfallsrisiko.

Schilddrüsenhormone

L-Thyroxin wird nüchtern eingenommen und ist beim Fasten weniger problematisch als andere Wirkstoffe. Fasten verändert allerdings den Schilddrüsenstoffwechsel selbst — bei längeren Fastenzeiten ein Gesprächspunkt.

Schmerzmittel

Ibuprofen, Diclofenac und ASS reizen die Magenschleimhaut, und ohne Mahlzeit fehlt der Schutz. Zusätzlich belasten sie bei Flüssigkeitsmangel die Nieren. Wenn beim Fasten überhaupt ein Schmerzmittel nötig ist, ist Paracetamol meist die verträglichere Wahl — aber die bessere Antwort auf Fastenkopfschmerz sind Trinken und Salz, siehe Kopfschmerzen beim Fasten.

Antibabypille

Zwei Punkte: Erbrechen und Durchfall können die Aufnahme so stark verringern, dass der Schutz entfällt. Und ein Abführmittel zum Fastenbeginn tut dasselbe — wer Glaubersalz nimmt, sollte das mit Blick auf die Pille vorher in der Apotheke ansprechen. Siehe Glaubersalz-Rechner.

Magensäureblocker und Bisphosphonate

Protonenpumpenhemmer werden meist vor dem Essen eingenommen — ohne Mahlzeit ändert sich das Einnahmeschema. Bisphosphonate haben strenge Einnahmevorgaben mit Wasser und aufrechter Haltung; auch das gehört besprochen.

Was vor dem Fastenstart in die Praxis gehört

Nimm diese fünf Fragen mit. Sie sind konkret genug, dass auch eine dem Fasten gegenüber skeptische Praxis sie beantworten kann:

  1. „Ich plane, X Tage nichts zu essen und nur zu trinken. Muss an meiner Medikation etwas geändert werden?”
  2. „Bei welchem Zeichen soll ich aufhören und mich melden?” — Die Antwort darauf ist wertvoller als jede Fastenanleitung.
  3. „Welche Blutwerte sollten vorher bestimmt werden?” Die Liste zum Ausdrucken erzeugt der Elektrolyte-Rechner.
  4. „Wie nehme ich die Medikamente ein, die ich sonst zum Essen nehme?”
  5. „Muss beim Wiederaufbau etwas beachtet werden?” Der Übergang zurück ist die riskantere Phase, siehe Refeeding-Syndrom.

Bring ausserdem eine vollständige Liste aller Präparate mit, auch der frei verkäuflichen: Schmerzmittel, Nahrungsergänzung, Abführmittel, pflanzliche Mittel. Johanniskraut zum Beispiel beeinflusst zahlreiche Wirkstoffe.

Woran du während des Fastens merkst, dass etwas zu stark wirkt

ZeichenDenk an
Schwindel im Sitzen, Schwarzwerden vor den AugenBlutdrucksenker wirken zu stark
Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, VerwirrtheitUnterzuckerung
Muskelschwäche, HerzstolpernKalium abgesunken, Diuretika
Zittern, Übelkeit, Verwirrtheit unter LithiumLithiumspiegel gestiegen — Notfall
Übelkeit und Erbrechen, tiefe Atmung, AzetongeruchKetoazidose, besonders unter SGLT2-Hemmern
Blaue Flecken, BlutungenGerinnung verändert

Bei allen diesen Zeichen gilt: Fasten beenden und die verordnende Praxis kontaktieren. Bei Verwirrtheit, Brustschmerz, Atemnot oder Bewusstseinstrübung: Notruf 112. Die vollständige Ampel steht unter Warnzeichen erkennen, der sichere Ausstieg unter Fasten sicher abbrechen.

Was ich hier nicht leisten kann und nicht darf

Ich bin Ernährungsberater, nicht Arzt und nicht Apotheker. Nach dem Heilpraktikergesetz darf ich Erkrankungen weder feststellen noch behandeln, und eine Medikation anzupassen wäre in jedem Fall ausserhalb meiner Zulassung — unabhängig davon, wie viel ich darüber lese.

Was diese Seite leisten soll, ist etwas anderes: dich in die Lage versetzen, das richtige Gespräch zu führen. Wer mit den fünf Fragen oben in eine Praxis geht, bekommt eine brauchbare Antwort. Wer fragt „darf ich fasten?”, bekommt meistens ein Nein — und fastet dann trotzdem, ohne Anpassung. Das ist der schlechteste aller Verläufe.

Und wenn die Antwort am Ende „besser nicht” lautet: Das ist ein Ergebnis, kein Scheitern. Für Gewichtsreduktion gibt es einen Weg, der ohne diese Risiken auskommt — Ernährungsumstellung nach dem Fasten funktioniert auch ohne vorheriges Fasten.

Häufige Fragen

Kann ich meine Tabletten während des Fastens einfach weglassen?

Nein, und das ist der wichtigste Satz dieser Seite. Das eigenmächtige Absetzen ist gefährlicher als das Fasten selbst. Bei Kortison kann ein abrupter Stopp eine lebensbedrohliche Krise auslösen, bei Blutdruck- und Herzmedikamenten drohen Blutdruckspitzen und Rhythmusstörungen, bei Antiepileptika Anfälle. Ob und wie etwas angepasst wird, entscheidet ausschliesslich die verordnende Praxis.

Ich nehme nur eine Tablette gegen Bluthochdruck. Ist das wirklich ein Problem?

Es ist der häufigste Grund für starken Schwindel und Stürze beim Fasten. Der Blutdruck sinkt beim Fasten von selbst, weil mit dem Insulin auch Natrium und Wasser ausgeschieden werden. Die gewohnte Dosis kann dann zu stark wirken. Das ist kein Grund, nicht zu fasten — aber ein Grund, vorher anzurufen.

Muss ich Medikamente mit Essen nehmen? Ich esse ja nichts.

Manche Wirkstoffe werden mit einer Mahlzeit eingenommen, weil sie sonst den Magen reizen oder schlechter aufgenommen werden. Ohne Mahlzeit verändern sich Verträglichkeit und Wirkspiegel. Frag konkret nach: „Wie nehme ich das ein, wenn ich mehrere Tage nichts esse?“

Verändert Glaubersalz die Wirkung meiner Medikamente?

Ja, das ist ein unterschätzter Punkt. Ein Abführmittel verkürzt die Zeit, in der Wirkstoffe im Darm aufgenommen werden. Bei der Antibabypille kann dadurch der Schutz entfallen. Wer am Fastentag ein Abführmittel nimmt und gleichzeitig Medikamente einnimmt, sollte das vorher in der Apotheke ansprechen.

Mein Arzt hält Fasten für unnötig. Kann ich trotzdem fragen?

Ja, und du solltest die Frage konkret stellen. Nicht „ist Fasten sinnvoll?“, sondern „ich plane, X Tage nichts zu essen — muss an meiner Medikation etwas geändert werden, und bei welchem Zeichen soll ich aufhören und mich melden?“ Diese Frage kann auch eine skeptische Praxis beantworten.

Quellen

  1. Grajower M. M., Horne B. D. (2019): Clinical Management of Intermittent Fasting in Patients with Diabetes Mellitus. Nutrients.
  2. Wilhelmi de Toledo F. et al. (2013): Fasting therapy — an expert panel update of the 2002 consensus guidelines. Forschende Komplementärmedizin.
  3. Gitlin M. (2016): Lithium side effects and toxicity — prevalence and management strategies. International Journal of Bipolar Disorders.
  4. Europäische Arzneimittel-Agentur (2016): Überprüfung der SGLT2-Hemmer zum Risiko einer diabetischen Ketoazidose. Behördliche Bewertung ohne direkten Link.
  5. Mehanna H. M. et al. (2008): Refeeding syndrome — what it is, and how to prevent and treat it. BMJ.

Fehlt eine Quelle oder ist etwas veraltet? Schreib mir — ich korrigiere das und schreibe dazu, was sich geändert hat.